Dieses Jahr wird der Via Iulia Augusta Kultursommer mit einer Hommage an Ingeborg Bachmann (25. Juni 1926 – 17. Oktober 1973) im Rahmen einer literarisch-musikalischen Soiree eröffnet. Ich wurde von der wunderbaren Claudia Rosenwirth-Fendre eingeladen, dort mein Lieblingsgedicht von Ingeborg Bachmann zu reflektieren.
Wenn du von jemanden gefragt wirst, Ingeborg Bachmann zu interpretieren, der Ingeborg Bachmann vergöttert, dann fühlst du dich geehrt. Euphorisch sagte ich sofort zu, ohne dabei die nicht unwesentliche Tatsache zu berücksichtigen, dass ich gar kein Lieblingsgedicht von Ingeborg Bachmann habe. Generell nicht. Nicht von Handke. Nicht von Rilke. Nicht von Celan. Und auch nicht von Bachmann. Lieblingsdingsbums sind mir zuwider. Selbst so banale Gemütsverfestigungen wie ein Lieblingstier oder ein Lieblingsgemüse existieren in meinem Mikrokosmos nicht. Und erst recht nicht, wenn die Auswahl so grandios ist wie bei Bachmanngedichten. Deshalb mussten Tage, wenn nicht gar Wochen, vergehen, und nach mehreren verzweifelten, erfolglosen Kontaktversuchen Claudias, konnte ich mich durchringen, wohl eher, musste ich mich durchringen, sonst wäre mir wohl der Auftritt verwehrt worden, ihr einen Titel zu nennen. Vermutlich weil ich zu dieser Zeit selbst durch irgendwelche metaphysischen Gebilde reiste und mir eine Transzendenz ersehnte, fiel meine Wahl auf das Gedicht ›Wie soll ich mich nennen?‹
Ein Text, der sich nicht nur auf die Erbsünde reduzieren lässt, sondern der eine niemals endend wollende Reise beschreibt, eine Sehnsucht nach Ufern, nach dem Zerfließen in zeitloser Getriebenheit, vielleicht schrieb sie sogar von Flucht oder von Heimkehr, beides als utopischer Zwischenraum, als intrapsychischer Tantalos, als uferlose Insel, unterirdisch, verschollen, fern. Ihre Bilder muten Zerbrechlichkeit an und kreisen um die Frage, ob in uns Menschen grundfeste Mauern existieren, die unverrückbar bleiben, egal, wie sehr sich die Erde unter uns wölbt. Wurden wir erschaffen? Gibt es einen großen Plan? Sind wir bereits schuldig, weil wir sind? Ist Leben gratis oder umsonst? Sind wir gar Teil einer Verschwörung? Spreche ich von Identität, weil ich identisch mit meiner Vergangenheit bin, der ich bedauerlicher- oder glücklicherweise anhafte, oder einem Ideal, das ich mir einst kindlich erträumt oder aus einem unbestimmbaren Irgendwo ersonnen habe, oder einer Außenwelt, die mich in ein enges Korsett zwängen will, damit ich geschmeidig wie ein Rädchen in einem Uhrwerk laufe oder ihm hinterherlaufe? Habe ich eine Identität oder gleich mehrere? Bin ich identitätslos?
Ich will die Schattenbilder ihrer fünf Strophen durch meinen Spiegel wandeln lassen, als Zeitzeuge einer gigantischen technologischen Transformation, die gnadenlos alle Zwischenräume auffrisst und alles Analoge in ein digitales Zwangsmodell presst, einer Weltordnung, die ständig einen Keil zwischen Himmel und Erde treibt, die polarisiert und Entscheidungen fordert, ein genius saeculi, der unsinnig und menschenfremd ist. Es ist die strenge Frigidität unserer Zeit, vor deren Hintergrund ich die Bachmannsche Frage nach Identität neu stellen will, um die Gedanken eines brillanten Geistes als einen polyphonen Gesang der Unschuld einer Selbstwerdung wiederauferstehen zu lassen, die gerade mit tränenden Rehaugen unwiderruflich in der gleißenden Flut digitalisierter Monotonie ersäuft.
Mehr gibts im Juli…
Veranstaltungsdetails:
Tickets unter:

Hinterlasse einen Kommentar